Neugierde überwand die stille Angst, mit der sie jahrelang gelebt hatte.
Am Tag zuvor hatte sie sein Büro durchsucht.
Es gab keine Dokumente. Kein Geld. Nichts, was erklärte, wohin er gegangen war oder warum er sich so zurückgezogen hatte. Nur denselben Gegenstand, sorgfältig verpackt und dort aufbewahrt, wo üblicherweise wichtige Dinge aufbewahrt werden.
Dieses Fehlen – jeglicher Erklärung, jeglichen Alltäglichen – beunruhigte sie mehr als der Gegenstand selbst.
Als sie es schließlich aus der Schublade hob, wurde ihr bewusst, wie seltsam es tatsächlich war.
Es war fast 30 Zentimeter groß, fühlte sich glatt an und seine Oberfläche war mit kunstvollen, sich wiederholenden Mustern bedeckt, die weniger dekorativ als vielmehr bewusst eingesetzt wirkten. An der Spitze befanden sich dünne, gelenkige Auswüchse – etwas zwischen Antennen und Gliedmaßen –, die mit beunruhigender Präzision angeordnet waren.
Es ähnelte nichts Vertrautem.
Kein Werkzeug.
Kein Schmuckstück.
Nichts, was man auf den ersten Blick verstehen soll.
Niemand konnte erklären, wozu es diente.
Als sie es mir reichte, spürte ich es sofort.
Nicht nur Gewicht – sondern auch Präsenz.
In dem Moment, als meine Finger es umschlossen, veränderte sich etwas in mir. Erinnerungen tauchten auf, die sich überhaupt nicht wie Erinnerungen anfühlten – Fragmente, Empfindungen, Eindrücke, die nicht zu mir gehörten und sich doch beunruhigend nah anfühlten.
Meine Brust schnürte sich zusammen. Mein Kopf summte, als wäre etwas Schlummerndes erwacht.
Ich konnte nicht unterscheiden, ob ich mich an etwas Reales erinnerte oder ob ich lediglich Ängsten Ausdruck verlieh, die ich schon seit Jahren mit mir herumtrug.
Ich schaute meine Mutter an, und sie schaute zurück, ohne ein Wort zu sagen.
Uns beiden war klar, dass dieser Gegenstand, was auch immer er war, nicht einfach nur etwas war, das meinem Vater gehörte.
Es war etwas, das er mit sich trug – etwas, das ihn prägte, ihn auslaugte, vielleicht sogar ihn definierte.
Die Schublade wurde wieder geschlossen.
Die Kiste war verschlossen.
Doch die Angst kehrte nicht dorthin zurück, woher sie gekommen war.
Denn wenn etwas Verborgenes einmal gesehen wurde, kann es nie wieder wirklich ungesehen gemacht werden.