Aurora schwieg einige Sekunden lang, eine Stille, die wie Blei lastete. Und Lucía hörte ihre Mutter am anderen Ende der Leitung tief seufzen. Dieser Seufzer einer Frau, die alles schon verstand, ohne es erklärt bekommen zu müssen, aber keine Fragen am Telefon stellen wollte. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter den Schmerz vorzeitig wieder durchlebte. „Schon gut, mach dir keine Sorgen um mich“, sagte sie schließlich mit jener stillen Stärke, die sie schon immer auszeichnete. „Ich komme allein zurecht. Ich bin kein Kind und nicht nutzlos. Aber lass dich von niemandem herumschubsen, hast du mich verstanden? Nicht von den Suárezes, von niemandem. Fische mögen es, wo das Wasser tief ist, und Menschen mögen es, wo sie besser behandelt werden. Du bist viel wert, meine Tochter, und wer das nicht sieht, ist blind.“
Das Auto hielt vor dem Tor eines alten Hauses am Stadtrand. Die Wände waren verwittert, das Dach seit Jahren sanierungsbedürftig. Es war dasselbe Haus, in dem Lucía aufgewachsen war, wo die Dielen unter den Füßen knarrten und sie im Winter frühmorgens den Holzofen anheizen mussten, um die Zimmer vor dem Aufstehen zu wärmen. Sie kannte jeden Winkel des Hauses, jede Macke an den Wänden, jeden Riss in der Decke. An der Wohnzimmerwand hing noch immer das Foto ihres Vaters aus seiner Jugend, bevor die Krankheit sein Herz schwächte, bevor ihn zehn Jahre zuvor ein Herzinfarkt mitten im Arbeitstag in der Fabrik dahinraffte, neben einer Drehbank, die sich weiterdrehte, als er zu Boden fiel.
Aurora trat in ihrem verblichenen Blumenkleid, ein Geschirrtuch in der Hand, auf die Veranda, als hätte sie die ganze Zeit am Fenster gewartet. Die ehemalige Krankenschwester, seit ihren Fünfzigern verwitwet, hatte ihre Tochter nach dem Tod ihres Mannes allein großgezogen, Schichten in der örtlichen Klinik gearbeitet, um deren Studium zu finanzieren, an den Wochenenden Empanadas verkauft, um sich Bücher leisten zu können, und mit einem Gehalt, das kaum für das Nötigste reichte, wahre Wunder vollbracht. Als sie das zerknitterte Brautkleid, den halb offenen Pferdeschwanz, die tiefen Augenringe und die geröteten Augen sah, stellte sie keine Fragen. Sie öffnete einfach die Arme, dann die Tür und ließ sie in die Wärme und Geborgenheit des Hauses, das ihr schon immer Zuflucht geboten hatte.
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